Das große Interview
„Wer bin ich, wenn niemand mehr zuschaut?“
Wolfgang Lindenau, 66, war über drei Jahrzehnte die vertraute Stimme der Abendnachrichten. Ein Gespräch über Ruhestand, Identität und den Mut, Angst nicht zu verstecken.

Einunddreißig Jahre lang war Wolfgang Lindenau die Stimme, mit der Millionen Menschen in Deutschland ihren Abend beschlossen haben. Als er vor zwei Jahren zum letzten Mal „Guten Abend, meine Damen und Herren“ sagte, ahnte er nicht, dass der schwerste Moment erst danach kommen würde.
Wir treffen den 66-Jährigen in seinem Arbeitszimmer am Rand einer Kleinstadt. Auf dem Fensterbrett steht ein Glas mit Honig, im Garten summen die Bienen, die er mittlerweile selbst betreut. Lindenau wirkt ruhig, aufmerksam, ein wenig verschmitzt. Doch er spricht so offen, wie man es von einem Mann, der Jahrzehnte im Rampenlicht stand, kaum erwartet: von nächtlicher Unruhe, von Panik im Flur, von der Frage, wer man ist, wenn niemand mehr zuschaut.
Es ist ein Gespräch über den Abschied vom Berufsleben, über Scham und Selbstachtung, über Partnerschaft und über die kleinen Schritte, die ihn zurück ins Leben geführt haben: ein Bienenvolk, ein Wanderverein, ein Vorleseabend im Pflegeheim und ein Frühstück mit seiner Frau, das nicht mehr zwischen zwei Terminen stattfindet. Wir haben uns viel Zeit genommen – und er auch.
Herr Lindenau, über drei Jahrzehnte haben Sie Abend für Abend die Nachrichten verlesen. Wie haben Sie Ihren letzten Abend erlebt?
Äußerlich völlig unspektakulär. Ich habe wie immer um halb vier meinen Mantel aufgehängt, die Texte durchgesehen, mich schminken lassen. Die Kolleginnen und Kollegen hatten eine kleine Überraschung vorbereitet, es gab Blumen, ein paar Worte. Und dann saß ich da, die Kamera ging an, und ich merkte, dass meine Hände zitterten – nach einunddreißig Jahren.
Den Satz „Das war es für heute – und für mich“ habe ich mir tagelang zurechtgelegt. Als ich ihn sprach, war es, als würde jemand einen Teppich unter meinen Füßen wegziehen, ganz sanft, ohne Lärm. Ich bin nach Hause gefahren und habe im Auto geweint. Nicht aus Trauer allein, sondern weil ich nicht wusste, was am nächsten Morgen auf mich wartet.
Sie haben zunächst von Erleichterung gesprochen. Wann kippte das Gefühl?
Nach etwa sechs Wochen. Die ersten Wochen waren eine Art Urlaub, ich habe ausgeschlafen, Bücher gelesen, die Garage aufgeräumt. Dann, an einem ganz normalen Dienstagnachmittag, stand ich im Flur und wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Mein Herz raste, ich bekam kaum Luft. Ich dachte tatsächlich, es sei ein Infarkt.
Der Hausarzt konnte körperlich nichts finden und sagte vorsichtig: „Vielleicht ist es die Seele, die Ihnen etwas sagen will.“ Dieser Satz hat mich zunächst wütend gemacht. Ich war doch immer der Souveräne, der Ruhige, derjenige, der anderen die Welt erklärt. Und nun sollte ich Angst haben? Heute weiß ich: Die Angst war kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas Wichtiges zu Ende gegangen war und ich es noch nicht betrauert hatte.
Was bedeutet es, wenn eine öffentliche Rolle plötzlich wegfällt?
Man verliert nicht nur eine Aufgabe, sondern einen Spiegel. Jahrelang haben mich Menschen im Supermarkt, im Zug, auf der Straße erkannt. „Sie sind doch der aus den Nachrichten!“ Das war Bestätigung, ob ich wollte oder nicht. Plötzlich sprach mich niemand mehr an. Ich war einfach ein Mann mit Einkaufswagen.
Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass ich mich über die Rolle definiert hatte. Meine Frau sagte irgendwann: „Ich habe den Moderator geheiratet, aber ich lebe mit dir.“ Das hat mich getroffen und befreit zugleich. Es gab also jemanden hinter der Stimme – ich musste ihn nur wieder kennenlernen, mit all seinen Unsicherheiten und seinem seltsamen Humor.
Was hat Ihnen in dieser Zeit tatsächlich geholfen?
Drei Dinge. Erstens: dass ich darüber gesprochen habe. Ich habe mir therapeutische Begleitung gesucht, was für einen Mann meiner Generation alles andere als selbstverständlich war. Zweitens: ein fester Tagesrhythmus. Ich stehe nach wie vor um sechs Uhr auf, gehe eine Stunde spazieren und frühstücke in Ruhe, ohne Handy. Klingt banal, war aber mein Rettungsanker.
Und drittens: der Mut, etwas anzufangen, worin ich ausdrücklich schlecht war. Ich habe mit der Imkerei begonnen, ein Bienenvolk im Garten, zwei Stunden Anfahrt zum Kurs. Bienen interessiert nicht, wer man war. Sie stechen den Ex-Moderator genauso wie jeden anderen. Das ist unglaublich erholsam gewesen.

„Die Angst war kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas Wichtiges zu Ende gegangen war.“
Wie sieht Ihr Alltag heute aus, und was gibt Ihnen Struktur?
Der Montag gehört dem Wanderverein, wir sind ein bunter Haufen von zwanzig Leuten zwischen sechzig und neunzig. Dienstags und donnerstags lese ich in einem Pflegeheim vor. Das war eigentlich nur ein Versuch, ist inzwischen aber der Termin, den ich am wenigsten missen möchte. Wenn eine Dame mit geschlossenen Augen lächelt, weil ich ihr ein Gedicht vorlese, dann weiß ich, wofür meine Stimme noch gut ist.
Mittwochs kümmere ich mich um die Bienen, am Wochenende gehört die Zeit der Familie. Wichtig ist mir, dass ich nicht versuche, den alten Kalender zu kopieren. Früher war jede Minute verplant, heute plane ich bewusst Leerräume ein. Auch das musste ich lernen: dass Nichtstun kein Versagen ist, sondern eine Fähigkeit, die man üben darf.
Wie hat sich Ihre Beziehung zu Ihrer Frau und Ihrer Familie verändert?
Zuerst ziemlich holprig. Meine Frau hatte sich über Jahre ihr eigenes Leben eingerichtet, mit Freundinnen, Chor, Garten. Und plötzlich war ich den ganzen Tag da, räumte ihre Küche um und stellte Fragen wie „Was machen wir heute?“. Wir haben uns gestritten wie lange nicht.
Dann haben wir uns hingesetzt und aufgeschrieben, was jeder von uns braucht: gemeinsame Zeit, aber auch Zeit für sich. Seitdem gibt es unser Donnerstagsfrühstück ohne Termindruck, und jeder hat seine eigenen Bereiche. Unsere Kinder haben mir übrigens gesagt, dass sie mich nie so entspannt erlebt haben. Das hat mich gerührt, aber auch ein wenig beschämt – wie viel Zeit habe ich ihnen früher nicht geschenkt?
Viele Menschen sorgen sich vor dem Ruhestand auch finanziell und gesellschaftlich. Hat Sie das beschäftigt?
Natürlich. Auch jemand, der solide verdient hat, wacht nachts auf und fragt sich, ob das Geld reicht, ob die Rente den Lebensstandard trägt, ob man noch gebraucht wird. Ich habe mir irgendwann einen Termin bei einer unabhängigen Rentenberaterin geben lassen. Danach war die Sorge nicht verschwunden, aber sie hatte endlich Konturen. Und Konturen kann man bearbeiten, ein Nebel nicht.
Gesellschaftlich fühlte ich mich anfangs aussortiert. Wir haben in Deutschland diese Vorstellung, dass man nach dem Job „fertig“ ist. Das stimmt nicht. Ich kenne Menschen, die mit siebzig noch Vereine leiten, mit Jugendlichen lernen oder Nachbarschaftshilfe aufbauen. Das Ehrenamt hat mir gezeigt, dass Gebrauchtwerden nichts mit einem Gehaltsscheck zu tun hat.
Was würden Sie jemandem raten, der kurz vor dem Abschied vom Berufsleben steht und Angst hat?
Erstens: Schämen Sie sich nicht für Ihre Angst. Sie ist normal und gehört zum Abschied dazu. Zweitens: Reden Sie früh mit Menschen, denen Sie vertrauen – mit der Partnerin, mit Freunden oder in einer Gesprächsrunde. Drittens: Bauen Sie sich schon vorher kleine Anker auf, einen Verein, ein Hobby, eine Verabredung, die nichts mit Ihrem Beruf zu tun hat.
Und geben Sie sich Zeit. Ich glaube, es dauert ein bis zwei Jahre, bis man ankommt. Ich bin nicht der Mensch, der ich vor dem Abschied war, und das ist gut so. Ich bin neugieriger, leiser, dankbarer. Wenn mich heute jemand fragt, wer ich bin, sage ich nicht mehr „der Nachrichtensprecher“, sondern: „Ein Mann, der gern wandert, Gedichte vorliest und Bienen mag.“

Schlussgedanke
Am Ende des Gesprächs führt uns Wolfgang Lindenau noch einmal in den Garten. Er hebt vorsichtig den Deckel eines Bienenstocks, nimmt sich Zeit, lauscht dem leisen Summen. „Hören Sie das?“, fragt er. „Das ist das Geräusch von etwas, das einfach tut, was zu tun ist, ohne Publikum.“
Vielleicht liegt darin die leise Botschaft dieses Gesprächs: Der Ruhestand nimmt uns nicht die Bedeutung, sondern entlässt uns aus der Pflicht, sie ständig beweisen zu müssen. Wer seine Angst ernst nimmt, wer Gespräche sucht, wer sich kleine Aufgaben und verlässliche Rituale schafft, gewinnt etwas zurück, das im Berufsleben oft zu kurz kam: Zeit, Verbundenheit und die Erlaubnis, noch einmal neu anzufangen.
Wenn Sie sich in diesen Gedanken wiederfinden, begleiten wir Sie gern ein Stück auf Ihrem Weg.
